Verzweifeln gilt nicht!

Hilfe zur Selbsthilfe im Elternkreis

von Sandra Carbonell - Journalistin

Roland* ist dreiundzwanzig, lebt bei Scarabäus und hilft dort in der Küche. Er ist ein wirklich netter Kerl. Nachdenklich, sprachgewandt und mit guten Manieren. Einen „Ex-Knasti“ hätte ich mir anders vorgestellt. Die Liste seiner Straftaten ist lang. Seine Drogenkarriere länger.

Er lebt seit einiger Zeit hier in Schmerwitz und versucht, sein Leben in den Griff zu bekommen: Im Urlaub in Amsterdam fing alles an. Er war gerade dreizehn und ging einfach mal so in einen Coffeeshop und verlangte Cannabis. Selbst verwundert, dass er welches bekam, probierte er.

Zurück in Süddeutschland, wo er herkommt, war dann alles ganz einfach: „Man erkennt sich. Ich kann das nicht erklären, es ist einfach so“. Seine Eltern bemerkten lange Zeit nichts. Roland erzählt von immer ausgefeilteren Lügen. Lügen, die er am Schluss selbst glaubte. Er rutschte ab. Machte noch seinen Realschulabschluss und irgendwann war er auf Heroin. Seine Eltern konnten nicht mehr. Sie warfen ihn raus und hatten lange Zeit keinen Kontakt. Ihm war das egal. Er stahl, saß irgendwann wegen Einbruchs sechs Monate Jugendstrafe ab.

Der Knast war voller Drogen. Ihm war alles gleichgültig. Das Wohlgefühl, dass die Drogen irgendwann mal in ihm ausgelöst hatten, war gänzlich verschwunden, erzählt er fast emotionslos. Zwischenzeitlich schweift sein Blick aus dem Fenster als suche er in der winterlichen Idylle irgendwo in den Weiten Brandenburgs, nach einer Antwort. Er denkt lange nach und schließt unser Gespräch mit der Erkenntnis: „Wenn die Sucht dein Leben beherrscht, denkst du nicht an Zukunft. Deine Zukunft kreist nur um den Gedanken, irgendwo her wieder Knete für die Droge zu bekommen, das ist Zukunft für dich, wenn du drinsteckst“.

Er liebt seine Eltern und ist ihnen dankbar. Beim rausgehen sagt er: „sie haben das einzig richtige getan!“ Der Kontakt war lange abgebrochen. Jetzt, bei seinem neuen Versuch ins „richtige“ Leben stehen sie ihm bei.
Vico* ist der zweite Interviewpartner, dessen Geschichte ich heute erfahre. Er erzählt, dass er bereits mit zwölf begann, Drogen zu nehmen. Auch er kommt aus sogenannten guten Verhältnissen und hat alles, um gemocht und anerkannt zu werden. Seine Drogenkarriere begann ebenso unspektakulär wie Rolands. Alle Freunde haben es ausprobiert. Zuerst dies und das. Seine Mutter hat früh davon Wind bekommen. Er hat es auch gar nicht erst geleugnet. Sie hat ihn zur Drogenberatung geschickt, versucht, mit ihm zu sprechen, an ihn heranzukommen. Es hatte alles keinen Sinn. Er hatte seinen eigenen Kopf und kam plötzlich auch nicht mehr raus aus der Sucht. Da merkte er selbst: „ich bin süchtig“, weil alles seinen Spaß verloren hatte. Da war es bereits zu spät.

Vor vier Jahren begann er eine Therapie und war erfolgreich. Heiratete. Vico schaffte es dreieinhalb Jahre, clean zu bleiben. Warum er wieder zugegriffen hat, ist ihm selbst ein Rätsel. Er hat sich dafür gehasst. Und als er über dieses unendlich schlechte Gewissen sich selbst und den anderen gegenüber erzählt, merkt man ihm die Fassungslosigkeit an. Vico ist ein starker Charakter. Er sagt, er ist oft traurig, glücklich, nachdenklich und verzweifelt zugleich. Traurig, wo es ihn mit den Möglichkeiten, die er hatte, hinverschlagen hat. Glücklich darüber, mit der Therapie ein Leuchten am Ende des Tunnels wahrzunehmen und nachdenklich, ob es ihm gelingt: „Heute weiß ich, dass der Kampf zwischen mir und meiner Sucht ein lebenslanger ist“. Alle hoffen, dass er ihn gewinnt. Mit seinen Zweifeln ist er auf einem guten Weg.

Lotte* ist sechzehn. Ich lerne sie nach Weihnachten bei ihrer Familie kennen: hübsch, fröhlich, wohlerzogen. Einfach reizend. So, wie man sich eine Tochter nur wünschen kann. Der Weihnachtsbaum steht da, liebevoll geschmückt. Es gibt Selbstgebackenes. Liebevolle Details in der Wohnung, liebevoller Umgang mit mir als Gast und zwischen den Familienmitgliedern.

Als Lotte hereinkommt, unterbrechen wir unser Gespräch. Sie hat ein Problem. Die braune oder die schwarze Strumpfhose? Chic sein möchte sie, sucht auch in Modefragen den Rat ihrer Mutter. Strumpfhosenprobleme einer Sechzehnjährigen. Der ganz normale Wahnsinn in der Pubertät eben. Sie wird zum Genuss, wenn das Leben schon davor vorbei schien. Lotte ist süchtig. Mit 13 begann ihre Drogenkarriere. Ihre Droge: Cannabis. Ich stutze. Für mich war Gras bis dato etwas, dass nicht süchtig macht.

Als ich später Freunden davon berichte, stutzen auch sie. Viele von ihnen rauchen hin und wieder „mal eine“. „Alles Quatsch!“ trauen sie sich nicht zu sagen, weil sie merken, dass mir der Spaß abhanden gekommen ist.
Lotte wurde schwerstabhängig, hat ihre Eltern beklaut, gelogen, betrogen und jeden Sinn für Schuld und Verantwortung verloren. Dann hat sie im Joom ihre Zimmereinrichtung zerpflückt, ist abgehauen und blieb vier Wochen verschwunden. Jetzt lebt sie seit drei Jahren im Haus an der Polz. Noch ein halbes Jahr bleibt ihr in der Therapieeinrichtung. Sie hat Glück gehabt. Ihre Familie ist den schmalen Grat zwischen Liebe und Härte mitgegangen und würde es immer wieder tun. Zum Abschied gibt’s eine selbstgemachte Marmelade für mich.

Sitzung in der ModeratorInnengruppe des Elternkreises Berlin-Brandenburg: Hier treffe ich auch Lottes Mutter wieder. Auch sie leitet inzwischen selbst eine Gruppe. Ich hatte nie zuvor mit Drogen zu tun, versuche zu verstehen: Die Ängste, die Verzweiflung, die Hoffnung. In den Elternkreisen geht es um den eigenen Part. Ich kann vieles, was erörtert wird, gar nicht nachvollziehen. „Kalter Entzug“, „Methadonprogramm“, „Cannabis“, „Bong“. Ich bleibe immer ein bisschen draußen. Ich habe keine Drogenerfahrung. Gott sei Dank, mir fehlt der persönliche Bezug.

Was habe ich erwartet als ich vom Elternkreis drogenabhängiger Kinder und Jugendlicher erfuhr? Unsichere Gestalten, die das Schicksal beweinen? Harte Knochen, die zu jedem Problem sofort die Antwort kennen? Ich merke schnell, dass ich auf Menschen getroffen bin, in deren Leben sich ein Problem versucht hat, Raum zu schaffen: Die Drogensucht ihrer Kinder. Sie sind straight, nicht hart. Sie wissen oft, was zu tun ist – aus eigener Erfahrung. Sie haben Hilfe in der Selbsthilfe gefunden und ziehen Kraft aus ihrer Arbeit.

Die meisten ihrer Söhne und Töchter sind „nüchtern“ und viele längst erwachsen. Trotzdem sind sie beim Elternkreis geblieben, die gemeinsamen Erfahrungen haben ihnen geholfen, das sagen alle. Sie haben sich theoretisches und praktisches Wissen über die eigenen Erfahrungen hinaus angeeignet. Experten- auch aus dem Umgang mit der eigenen Geschichte und den eigenen Fehlern. Erfahrungswerte, Adressen, Gespräche. Eltern können Rat suchen und finden Verständnis.

Eine Moderatorin erzählt, jemand in ihrer Gruppe hätte ängstlich gefragt, ob man denn in so einer Situation überhaupt noch lachen dürfe. Gelächter bricht aus. Keine Schadenfreude – Befreiung, denn man merkt, dass sich das viele hier anfangs auch fragten.

Die Antwort, warum sie hier sitzen und wie sie zu den Elternkreisen gefunden haben, ist so individuell wie ihre Biographie. Worum es geht, klar: Eigenverantwortung! „Liebe zum Kind – selbstverständlich! Unterstützung zur Selbständigkeit immer. Aber unter der Prämisse: „Es ist dein Weg aus der Sucht – gehen musst du ihn. Und: es ist deine Sucht, in der wir alle stecken!“

*Namen geändert

Und ich?

von Sandra Carbonell - Journalistin

Es hält sie kaum auf dem Stuhl. Sara F legt los, weil sie die Situation, in der Martha D steckt, aus eigener Erfahrung kennt. Sie und das Ehepaar K leiten den Eltern- und Angehörigenkreis Suchtgefährdeter und Süchtiger in diesem Bezirk.

Drei von vielen Moderatoren. Selbst betroffen und wissend, wovon sie reden. Das Ehepaar K ist wohltuend ruhig und sachlich. Humorvoll. Sara F ist wohltuend liebevoll. Manchmal schart sie mit den Hufen wie ein junger Stier, weil ihr Temperament mit ihr durchgehen will und sie kaum aushält, was man so mit sich machen lässt. Dann lacht sie gern mal über sich. Offenheit und Emotion sind es, die deutlich machen: in der Tragik steckt Komödie. Man muss lernen, zu durchschauen. Zu akzeptieren - die Situation, sich und die Anderen.

Das ist die Aufgabe der Eltern- und Angehörigenkreise seit über 40 Jahren. Hier sitzen Experten für gelebte Ängste, Nöte, Hoffnungen. Die Arbeit wurde längst erweitert auf die Zusammenarbeit mit Psychologen, Ärzten und Institutionen. Die Mitarbeiter haben sich etabliert in der Brückenfunktion zwischen professioneller Hilfe wie Therapieeinrichtungen und Beratungsstellen und Angehörigen oder Eltern, die von der Sucht eines Menschen betroffen sind.

„Es geht um Lea. Es ging immer um Lea. Heute frage ich mich: Wo blieb ihre Schwester? Wo blieben wir? Lea war zeitlos. Egal, wo wir waren, um was es in unseren Leben gehen sollte. Immer waren da Angst, Verzweiflung, Wut. Lea hatte unser Leben im Griff. Vierzehn und cannabisabhängig. Wenn ich nachdenke, was sie so drauf hatte - übelste Beschimpfungen. Annäherungen. Liebesentzug, wenn ihr etwas entgegen gestellt wurde. Lug und Trug. So was Gerissenes auch!“ Sara F lächelt in die Runde. Niemandem hier ist dieses Gefühl fremd. Noch heute schüttelt sie den Kopf, weil sie manche ihrer Reaktionen nicht mehr versteht. Die Elternkreise haben ihr geholfen, wieder zu sich zu finden. Klarheit zu gewinnen und den Überblick zu behalten. Aus Dankbarkeit blieb sie.

Lea ist seit fünf Jahren clean, hat in der Therapie die Schule beendet und ist in der Lehre. Es hätte anders kommen können wie das Ehepaar K weiß. Ihr Sohn hatte weniger Glück. Bei ihm ist durch den Konsum eine Psychose ausgebrochen. Rückfälle sind fast vorprogrammiert. Beide wissen, ihre Macht auf seine Krankheit einzuwirken, ist beschränkt. Sie kämpfen um sein Wohlbefinden, kennen die klinische Wirklichkeit, sind engagiert, nicht verbissen. Sie leben mit der Krankheit ihres Sohnes. Sie leben gut.

Martha D ist neu im Elternkreis. „Was soll ich da?“ habe sie ihre Freundin Sybille gefragt, die ihr den Tipp gab. Nach einiger Zeit wird es klar: Marthas Lea heißt Ole. Es ging im letzten Jahr immer nur um Ole. Er ist ihr mit seinen siebzehn Jahren völlig aus der Hand geglitten, kommt irgendwann nach Hause, isst was, redet nicht, geht wieder. Sie ist 1,60. Er 1,85. Und oft aggressiv. Manchmal, habe sie Angst vor ihm. Das dürfe man gar keinem erzählen, meint sie. Sie ist allein erziehend und macht sich Vorwürfe. Er lebt sein Leben. Aus Angst ihn ganz zu verlieren, tanzt sie nach seiner Pfeife. Das Leben nur noch nach außen ein gläserner Palast. Ihr bleibt nichts, als gegen die Wand geschleudert, wieder aufzustehen und die Scherben klebend zu versuchen, einen neuen Ballsaal zu konstruieren. Jedes Mal ein bisschen kleiner. Jedes Mal ein bisschen ärmer und zerbrechlicher. Aber immer mit dieser großen Sorgfalt. „Er führt gut“, lacht sie unter Tränen. Darüber hat sie ihre Tochter völlig vergessen. Das fällt ihr erst jetzt beim Erzählen auf: „Er hat mich völlig absorbiert. Bea unterstützt mich, gibt mir Kraft, beschenkt mich.“ Als sie das sagt, läuft es nicht nur ihr kalt den Rücken herunter.

Martha hätte nie gedacht, dass sie sich hier öffnen könnte. Aber irgendwann brach es aus ihr heraus. Sie fühlt sich sicher und ist erschreckt wie verbreitet Sucht ist, dass von Computer bis Heroin alles existiert und zerstört. Ganz gleich, ob arm oder reich, schichtenunabhängig und bitter. Das hat sie ein bisschen umgehauen. „Mag sein, ich habe Angst vor mir selbst und vor der Wahrheit“ resümiert sie. Das versteht hier jeder und weiß, dass es auf Dauer nichts bringt, bei Fieber einfach das Thermometer zu verstecken. „Mir fehlt aber im Moment schlicht die Kraft, über meine Schuld nachzudenken.“

Herr K schaltet sich ein: „Es geht hier doch nicht um Schuld. Die Frage stellt sich überhaupt nicht! Es geht um den Part, den ich in einem Spiel spiele, dass ich gar nicht spielen wollte. Es geht weder um Mitleid, noch um richtig oder falsch. Es geht darum, heraus zu finden, wo man steht.“

„Ein bisschen auch um Trost“, lacht Frau K: „Sehen statt zuzusehen. Sich bewegen, auch einfach mal fallen lassen. Auf den Punkt gebracht, hat man nur zwei Chancen: Das Elend verteufeln oder aufstehen. Mut zu fassen. Zu handeln. Sie sind nämlich nicht allein“. Martha weint. Ein Taschentuch macht die Runde. Alle kennen dieses Gefühl. Die Leere, die sich Bahn bricht. Auch die gute Erkenntnis, dass dies der eigentliche Anfang ist und das Ende der Schonzeit für Ole. Oder nennen wir es Chance. Aber darum geht es nur in zweiter Linie. Hier geht es um Martha.


Namen und Personen wurden geändert.

Erfahrungsbericht einer Mutter

Tja, wann fing es an....?

Bereits mit 15 Jahren zeigte unser ansonsten sehr umgänglicher und zugewandter Sohn große Probleme bezüglich schulischer Leistungen, Zuverlässigkeit und Verhalten.

Den Wandel schoben wir auf die Pubertät. Hilfe, welche wir beim Jugendamt in Anspruch nahmen, führte dazu, dass er sich wieder mehr zusammenriss und seine Aufgaben einigermaßen erfüllte. Leider erhielten wir keinen Hinweis auf einen eventuell bestehenden Cannabismissbrauch, vielmehr wurden die Schwierigkeiten nur in der schwierigen familiären Konstellation gesehen (Trennung im Alter von vier Jahren und - leider trotz großer Mühe von beiden - nicht sehr gelungene Übereinstimmung bezüglich der Erziehung, wodurch unser Kind leider in einem permanenten Loyalitätskonflikt stand). Unser Sohn ließ sich auf gemeinsame Gespräche ein und verbesserte sein Verhalten insoweit, dass er wieder einigermaßen seinen Aufgaben nachkam.

Vereinnahmt von meiner Arbeit, fiel es mir wie Schuppen von den Augen, wie mein Sohn sich mit 16,5 Jahren in einer Krisensituation outete, seine Cannabisabhängigkeit und damit verbundene Probleme gestand.

Es folgte eine Odyssee, angefangen beim sozialpsychiatrischen Dienst über Jugendamt (zur Bewilligung der Maßnahme) zum Therapieladen. Jedoch dachte K. überhaupt nicht an aufhören und ich fühlte mich immer leerer.

Hin und hergerissen in meinem Bemühen ihn von Therapie zu überzeugen und seinen Beteuerungen zu glauben, geriet ich selbst zunehmend in psychische Destabilität. Hilfe fand ich zum einen in einer Caritas-Beratungsstelle und in den Elternkreisabenden.

In der Elterngruppe wurde ich darin gestärkt, konsequentes Verhalten zu üben, was schließlich dazu führte, dass unser Sohn sich doch noch auf Therapie einließ. Inzwischen – nunmehr 19jährig – besucht er wieder eine Schule, welche er nächstes Jahr mit der Fachhochschulreife abschließen will.

Wenngleich es nunmehr so aussieht, als ob er seinen Weg gehen wird, nehme ich auch weiterhin an den Elternkreisen teil, welche mich wachsam halten. Dem Elternkreis bin ich sehr dankbar für die erfahrene Solidarität, das erfahrene Wissen um Drogen, vor allem für die mitfühlenden und Mut machenden Gespräche.